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Bundesvision Song Contest: Aufschwung Ost und plötzlich ist die Mauer in den Köpfen

Es war natürlich alles sehr spannend beim Bundesvision Song Contest mit Stefan Raab. Ein derartiges Herzschlagfinale hatte es noch nicht gegeben. Das letzte Ländervotum brachte die Entscheidung für die Brandenburger Folk-Metal-Band “Subway to Sally” - mit einem Pünktchen Vorsprung vor “Clueso” aus Thüringen, der bis dahin über weite Strecken geführt hatte. Platz 1 an Brandenburg, Platz 2 nach Thüringen, Platz 3 Sachsen-Anhalt und Platz 5 Mecklenburg-Vorpommern. Nur die Sachsen mussten sich abgeschlagen mit der Schlusslicht-Laterne zufrieden geben. Wenn das in der Gesamtbilanz kein Aufschwung Ost ist, was denn dann? Die Sache hat nur einen Haken oder sogar zwei: Wenn so die Suche nach dem echten Bundesfavoriten läuft, dann ist das zwar für alle ziemlich werbewirksam und vielerorts ein Fetenspaß.  Nur dass bei dieser Art von Länderwettstreit  ”Stolpersteine” ins Spiel kommen. Und in manchen Köpfen sich sogar  “Mauern” bilden. Lieber Stefan Raab, Du möchtest ein Wegbereiter für den   Grand Prix sein, sorgst auch für viel Popularität, aber warum geht das nicht ohne Stolpersteine…

Man muss nicht darüber lamentieren, dass der Bundesvision Song Contest für (fast) alle Teilnehmer eine tolle Plattform zur Selbstdarstellung war. Die meisten Künstler können am Ende - egal wie sie abgeschnitten haben - von der öffentlichkeitswirksamen Präsentation profitieren. Daran ist nichts auszusetzen.

Und man darf Stefan Raab auch die gute Absicht unterstellen, denn er wollte wohl seinem Spektakel schon einen Hauch von Grand Prix verpassen - Euro-Hymne, Aufmarsch mit den Landesflaggen, dazu kurze Vorstellungen der Bundesländer. da war die redliche Absicht zu erkennen. Und eine Musik, die wirklich die breite Masse der Jugend in der Republik erreicht - mit Songs in deutscher Sprache, das verdient Respekt.

Doch dann der große Stolperstein: Dieses Abstimmungssystem ist eine Katastrophe, bedient es doch total den auch noch organisierten Länderegoismus. Irgendwie bringen wir unsere Länderkandidaten schon durch, natürlich mit der höchsten Punktezahl daheim, so das Prinzip. Meistens jedenfalls, nur die Nordrhein-Westfalen hatten das noch nicht ganz geschnallt, warum sie die “eigene” Formation auch “nur” auf Platz 2 beförderten, dafür die Brandenburger Siegerband an die Spitze holten. Das gab dann am Ende auch den Ausschlag.

Mal abgesehen davon, dass ja die Länder doch sehr unterschiedlich groß sind und am Ende doch eigentlich der oder die beliebtesten Künstler als Bundessieger gekürt werden sollen, was aber bei dieser Form der Länderabstimmungen ja nicht wirklich funktioniert, geht es bei dieser Art von erklärtem Ländereifern natürlich auch um das Geschäft, was noch so dran hängt. Außerdem wäre doch die echte bundesweite Addition der tatsächlichen Stimmen viel zu einfach und nicht spannend genug. Also muss der Länderegoismus bedient werden.  

Ein Vergleich zu einer Sportlerwahl liegt da nahe. Man stelle sich vor, es würde bundesweit der beste Sportler des Jahres nach der Publikumsgunst gesucht. Jedes Land entscheidet sich dann für einen eigenen Länderfavoriten und versucht eben den nach dem Raab-Muster und Bundesvision-Prinzip durchzuboxen. Weil es ja nicht drum geht, den wirklich besten oder beliebtetsten in der bundesweiten Publikumsgunst zu finden, sondern darum, sich als Land zu behaupten. Da würden sich manche über den so ermittelten Bundessieger ganz schön wundern.

Nein - es geht eigentlich nur so, dass ein Land nicht für den eigenen Kandidaten voten darf, sondern nur über die Reihenfolge aller anderen Finalteilnehmer zu befinden hat. Ganz kann dann zwar auch ein taktisches Abstimmungsverhalten nicht ausgeschlossen werden, etwa der Schulterschluss von Nachbarn oder die Solidarität etwa der neuen Länder. Aber ganz sicher ist dann das Gesamtresultat ein etwas anderes - weil alle die Stimmen, die bei Raab etwa für den jeweiligen Kandidaten im eigenen Land verbleiben, auf die anderen Kandidaten verteilt würden.

Statt dessen wurden diesmal vor allem die “Grabenkämpfe” der Länder bedient. Nach dem Motto Zuerst wir, dann die anderen. Darüber können auch nicht viele freundlichen Worte täuschen, wenn aus den Länderabstimmungen dann spendabel die Punkte an die Kandidaten der anderen Länder gereicht werden.  In Wirklichkeit werden bei diesem Abstimmungsmodus die lautstarken “Fankurven” der Länder organisiert. Da sind plötzlich Rufe nach der Mauer  auszumachen. Vielleicht getrennte Vorentscheidungen, damit die neuen Länder nicht so gemeinsame Sache machen? Und in den Köpfen vieler mobilisierter Fans verhindert eine dortige “Mauer” - nicht unbedingt die zwischen Ost und West, sondern eine um jedes Bundesland, es soll doch ein richtiger Länderwettstreit sein, bitteschön -  zu sehen, dass es eigentlich darum geht, den gemeinsamen  Sieger zu ermitteln, der dann auch geeignet sein sollte, international zu punkten, zu überzeugen, die Publikumsgunst zu erobern - möglichst ohne taktisches Gezerre, sondern allein mit einem überragenden Song und einer überwältigenden Performance. Auch dabei darf dann  gerne eine Mittelalterrock-Formation wie “Subway to Sally” oder eben “Clueso” oder wer auch immer gewinnen. Am besten, es würde der Interpret oder die Gruppe gewinnen, die wirklich die meisten Stimmen (per Ted) bundesweit bekommt. Vielleicht ja  beim nächsten Mal? Vielleicht, nachdem wir uns beim Eurovision Song Contest über taktische Bündnisse, nachbarschaftliche Schulterschlüsse und die Egoismen der Länder einmal mehr geärgert haben… 

6 Antworten auf “Bundesvision Song Contest: Aufschwung Ost und plötzlich ist die Mauer in den Köpfen”

  1. Oz sagt:

    Ich finde bei dieser Diskussion kommt die Musik einfach zu kurz. Dieses Jahr, im übrigen zum ersten mal, hat mal eben ein Land aus dem ehem. Osten gewonnen. Ist doch prima. Und die Musik der “neuen” Bundesländer war diesmal einfach besser, als die aussen alten.

    Und das die NRWles beinah schon aus Tradition sich eher der guten Musik, als dem Landespatriotismus verpflicht fühlen, spricht doch eher für den guten Musikgeschmack, derer vom Rhein und der Ruhr.

    Oz aussem Pott

  2. Sascha der Rettungsdackel sagt:

    Hallo,

    eine Frage hätte ich da mal: Ich verfolge sehr gespannt dieses Thema in vielen Zeitungen und im Web. Aber noch nirgendwo ist mir der Begriff Mauer in diesem Zusammenhang aufgefallen. Außer bei Ihnen. Also in meinem Kopf ist keine Mauer, in den Köpfen der vielen Menschen mit denen ich gesprochen habe auch nicht… Wo ist sie?

    Grüße, von einem Clueso Fan, aus Berlin (West)

  3. Lucky Sultan sagt:

    Zur Beruhigung - auch in meinem Kopf ist keine Mauer. Ich habe aber registriert, was Spiegel online zum Thema geschrieben hat (was aber nicht unbedingt repräsentativ sein muss). Es gibt auch im Web einige Blogs und Foren, wo User des öfteren vom “Zuschustern der Stimmen in den neuen Ländern” untereinander schreiben.
    Mit geht es vor allem darum, dass die Musik im Vordergrund steht und nicht darum, seinen Länderkandidaten durchzubringen. Im Web haben ja auch Leute nachgerechnet, dass selbst bei “getrennter” Rechnung zwischen alten und den neuen Ländern das Ergebnis nicht viel anders ausgefallen wäre.
    Wenn die Leute in einem Bundesland “ihren eigenen” Landeskandidaten nicht wählen könnten, ihn also auch nicht durchbringen müssen (was ja zum Sport gerät), dann würden sich diese Stimmen (und es ist ja eine große Menge) auf die anderen Kandidaten verteilen. Ich glaube schon, dass dann das Endergebnis etwas anders aussehen würde.
    Allerdings konnten sich die Metal-Fans ja konzentrieren, das funktionierte. Insgesamt war ja ein breites Musikspektrum im Angebot, das ist immer positiv zu sehen. Persönlich oute ich mich hier auch gern als Clueso-Fan, aber das hat bei meinem Beitrag keine Rolle gespielt.
    Und übrigens: Je mehr die Kleinstaaterei und der Länderegoismus betont werden, umso eher werden in den Köpfen “Mauern” errichtet, nicht nur eine zwischen Ost und West. Ich bin überhaupt gegen solche Mauern…

  4. Oz sagt:

    Ich glaube der SPON-Journalist hatte einfach einfach noch der arg Ostblock-Lastigen Eurovisions-Songcontest im Kopf. Durch die vielen Staatsgründungen im Osten haben sich flux mal ein vielfaches an Abstimmungsentitäten gebildet, die es so in den 70igern nicht gab. BTW: Das ist ja auch ein Grund von Stefan Raab das BuViCo zu machen. Sozusagen eine “augenzwinkerernste” Gegenveranstaltung zum Ostblock-Eurovision-Songcontest. Vielleicht sollten wir alle Bundesländer sowie den Kosovo als unabhänig erklären, und dann klappts auch wieder mit dem Euro-Song *g* Eigene Parlamente, eigene Polizei, teilw. eigene Gesetze, wie Raucherregelungen gibt’s ja schon. Anstatt die Länder abzuschaffen, sollten wir vielleicht mal drüber nachdenken, das zentralistische Berliner Parlament abzuschaffen. Lieber viele kleine bunte Staaten mit glücklichen Menschen, als zuviel Steuern und zuviel Verwaltung. Aber, wie schon gesagt, eigentlich sollte ja doch mehr um Musik, als um Staatskonstruktionen gehen…

  5. Oz sagt:

    Das mit dem Backlinks klappt normalerweise ganz gut, was hat nicht gefunkelt?

  6. Schnittlauchperson sagt:

    Also nein. Die ostdeutschen Länder hatten diesmal einfach die besten Titel und Auftritte, das hat nichts mit Punkte zuschustern zutun. Das zeigt auch, dass die westdeutschen Länder auch mehrheitlich für sie gestimmt haben und Sachsen den letzten Platz gemacht hat (schustert denen denn keiner im Osten was zu??). Das Abstimmungssystem ist schon gescheit; man kann für das eigene Bundesland anrufen, was für ein Spaß. Und gerade dieses Abstimmungssystem schafft nicht Differenz, sondern Gleichheit unter den Ländern, denn die Stimmen aus dem kleinen Bremen machen genauso viel aus wie die aus dem großen NRW.

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