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Archiv der Kategorie Stadtentwicklung
Demografischer Wandel - was kommt da konkret auf uns zu?
14.2.2008 von Lucky Sultan.
Machen wir uns vielleicht nur verrückt, wenn es um den so genannten demografischen Wandel geht? Schon der Begriff wird ja von vielen Menschen irgendwie als Bedrohung verstanden. Werden wir vielleicht sogar gezielt verunsichert und bange gemacht? Alterung der Gesellschaft, Bevölkerungsrückgang, auch noch aktuell die Abwanderung junger Menschen dorthin, wo Arbeitsplätze sind und dauerhaft gutes Geld verdient wird. Wer hat hier eigentlich die schlechten Karten? Ein Beispiel.
Die Kyffhäuserregion in Thüringen, angrenzend an die Ausläufer des Harzes und das Mansfelder Land. Ein Gegend mit Bergbautradition und sichtbarer Geschichte. Der Bergbau ist auch schon Geschichte, weitgehend jedenfalls. Mittendrin ein steinernes Wahrzeichen, der Kyffhäuser. Ein Touristenziel, aber kein wirklicher Magnet - noch nicht.
Dieser Landstrich, ein gutes Stück Sachsen-Anhalt (der Landkreis Mansfeld-Südharz) und ein Scheibe von Thüringen (der Kyffhäuserkreis), ist seit Januar 2008 eine von zwei bundesweiten Modellregionen, wo der demografische Wandel nicht nur untersucht und begleitet werden soll, sondern Konzepte und Projekte zur Daseinsvorsorge im ländlichen Raum erprobt und gefördert werden sollen. Und weil hier wahrscheinlich alles ein bisschen schneller geht als im Rest der Republik, gerät die Modellregion Südharz-Kyffhäuser, so die Bezeichnung, zum “Testlabor” für den Rest, zum Brutkasten für den gigantischen Abspeckkurs unserer Republik. Nur dass in diesem Brutkasten nicht neues Leben und mehr entsteht, sondern weniger. Aber weil angeheizt schneller.
In dieser bundesländerübergreifenden Modellregion leben auf einer Fläche von rund 2483 Quadratkilometern heute 249.000 Einwohner. Zehn Jahre vorher waren das noch 271.000 Menschen. Ein ländlicher Raum, rund 62 Prozent sind hier landwirtschaftlich genutzt. Im Mansfelder Land dieser Modellregion wurde in der Blütezeit des dortigen Kupferbergbaus auch noch Silber gefördert, mehr als im Erzgebirge. Alles Geschichte.
Vor allem im anderen Teil, dem Kyffhäuserkreis, war die Kaliindustrie beheimatet. Mehr: sie war der Lebensnerv. Bis zur Wende. Alles vorbei, alles Geschichte. Nur die Spuren der Bergbautradition sind noch weithin sichtbar, die Halden.
Die Region Südharz-Kyffhäuser verliert einerseits immer mehr junge Leute durch Abwanderung, weil jetzt Arbeitsplätze fehlen und das seit Jahren. Und die Region schrumpft bevölkerungsmäßig und überaltert. Das Berliner Institut für Bevölkerung und Entwicklung hat dieser Region erst kürzlich die demografische Zukunftsfähigkeit abgesprochen, also nicht attestiert. Die beiden Kreise hängen in der Bewertungsskala im bundesweiten Vergleich ganz unten mit Noten 4,51 bis 4,77, wie jetzt gerade Peter Hengstermann, Landrat des Kyffhäuserkreises, beim Demografiekonvent in Sondershausen erläuterte.
Schlechte Noten allein wegen der hohen Arbeitslosigkeit von deutlich mehr als 20 Prozent, Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen nicht mir eingerechnet. Gebietsweise ist in der Region die Bevölkerung schon um bis zu 30 Prozent zurückgegangen. In den nächsten 10 bis 15 Jahren wird sie um ein weiteres Drittel schrumpfen. Überproportional geht der Frauenanteil zurück, vor allem der jüngeren im gebärfähigen Alter.
Und weil vor allem jünger, mobilere und besser qualifizierte Menschen die Region verlassen, dreht sich hier eine Spirale mit unangenehmen Nebenwirkungen. Der Bevölkerungsrückgang ist kaum aufzuhalten, also schon konkret. Hier verschärfen sich sozialkulturelle Probleme in einem fatalen Kreislauf:
Die Infrastruktur droht zu zerfallen. Banken, Post, Schulen, Geschäfte werden mehr und mehr schließen. Der öffentliche Nahverkehr bald nicht mehr bezahlbar sein und sich zurückziehen. Die allgemeinärztliche Versorgung im ländlichen Raum, wo sie heute gebietesweise schon kränkelt, wird weiter abbröckeln, auch weil einige Ärzte hier überaltert sind. Rückzug von der Schiene, aus dem Nahverkehr wird nicht aufzuhalten sein. Gebietsweise werden Straßen, Ortschaften, Versorgungsnetze nach und nach verkommen, weil die Instandhaltung für immer weniger Menschen sich nicht rechnen dürfte, zu teuer würde. Rückzug auch der kulturellen Angebote, Theater und Kino. Ob sich im gleichen Zuge ein Vereinsleben so verstärken wird, das es ersatzweise mehr Freizeitgestaltung organisiert, ist theoretisch zwar denkbar, aber praktisch eher anzuzweifeln.
Rückgang, Abbau, Schwund auf der ganzen Linie. Eine Region mit Schwindsucht geradezu. In der dann der zunehmende Kaufkraftverlust noch ein Übriges besorgt.
Wohin bitteschön mag hier die Reise gehen? Werden sich die Menschen diesem Rückzug ergeben? Oder werden sie bis dahin ungeahnte Selbsthilfekräfte entwickeln, Netzwerke schaffen, neue Formen der Grundversorgung organisieren und mitgestalten, Nachbarschaftshilfe entwickeln, vielleicht sogar ein sehr verändertes Miteinander der Generationen gestalten und durchsetzen - weil letztendlich alle einander brauchen, jeder jeden irgendwie. Seniorpatenschaften, Leihgroßeltern, das werden wohl bald Begriffe sein, die mit konkretem Leben gefüllt werden müssen.
Der Alterungsprozess ist nicht umkehrbar, die daraus erwachsenden Belastungen sind es auch nicht. Städte und Dörfer werden sich drastisch umstrukturieren, manche aber sogar mehr oder weniger aufgegeben werden. Das wird die Abstimmung mit den Füßen schon besorgen. Vieles in unserer Nachbarschaft kommt zwangsläufig auf den Prüfstand von Machbarkeit und Finanzierbarkeit. Muss aber am Ende, dort wo es sich nicht rechnet, keineswegs abgeschafft, sehr wohl aber neu organisiert und anders strukturiert werden. Aber in einer Gesellschaft, in der dann immer mehr Leute freie Zeit haben, zum Nachdenken und zum Mitmachen, Mitgestalten, wird das dann (hoffentlich) neue Formen des gesellschaftlichen Miteinanders entwickeln - als Überlebensstrategie einer schrumpfenden Gesellschaft mit Schwindsucht…
Übrigens: es gibt in Deutschland heute schon städtische Regionen, die wegen ähnlich drohender Entwicklungen - nur etwas später - schon heute den qualifizierten und bevölkerungsstrukturellen Zuwachs organisieren - aus anderen Ländern. Ein multikultureller Zuwachs, der Arbeit mitbringt, Kaufkraft schafft und Regionen am Leben erhält. Auch das wird zum demografischen Wandel gehören, dem wir uns nicht entziehen können oder sollen…
Geschrieben in Stadtentwicklung, Demografie, Trends | Drucken | Keine Kommentare »
Senioren auf heißer Fährte: Lebensstil-Scouts in der Musikstadt
13.2.2008 von Lucky Sultan.
Wenn es um die Gestaltung und Belebung unserer Innenstädte geht, dann sind es vor allem Kommunalpolitiker, Gewerbevereine und Marketingstrategen, die sich zusammensetzen, um die richtigen Lösungen zu finden. In der Nordthüringer Musikstadt Sondershausen schickt man Senioren in die Spur, um als so genannte “Lebensstil-Scouts” die Wünsche vor allem der betagten Mitbürger zu ergründen. Und was dabei heraus kommt, soll den Planern helfen zielgruppengerechtere Lösungen für die Innenstadt zu finden. Das Ganze ist ein Schritt, um den Demografie-Wandel besser zu bestehen…
Das ist also kein verspäteter Karnevalsscherz sondern wohl Realität, wie mir jetzt beim 1. Regionalen Demografiekonvent im Schloss Sondershausen erzählt wurde. Die Musikstadt gehört zu einer Modellregion “Südharz-Kyffhäuser” und damit - und einer weiteren Modellregion, “Stettiner Haff” - zu einem im Januar gestarteten Modellvorhaben “Demografischer Wandel - Zukunftsgestaltung der Daseinsvorsorge in ländlichen Räumen”. Das Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung fördert die Planung und Durchführung von insgesamt 40 Projekten mit rund vier Millionen Euro.
Ob davon auch die so genannten “Lebensstil-Scouts” etwas abbekommen, weiß ich (noch) nicht. Aber während des Demografiekonvents berichtete ein Referent, Dr. Hardo Kendschek (Leipzig) , Geschäftsführer des Unternehmens komet-empirica, über verschiedene Maßnahmen der Regional- und Stadtentwicklung, um die kleine City der Musikstadt Sondershausen attraktiv und zukunftsfähig zu entwickeln.
Angesichts der raschen Alterung unserer Gesellschaft, einer drastischen Zunahme älterer Mitbürger in Sondershausen, will man dort durch die “Lebensstil-Scouts” besser die Wünsche der Senioren erforschen. Etwa: Stimmt in der City der Handels-Mix? Welche Einrichtungen werden dort vermisst?Wie sollten gastronomische Einrichtungen aussehen, damit sich die betagten Bewohner dort wohlfühlen und diese auch häufiger besuchen? Wie werden Wochenmarkt oder kleine kulturelle Angebote angenommen? Und so weiter.
Da fühlen ganz einfach Senioren ihren Altersgenossen auaf den Zahn. Ob es hilft? Ich bleibe an dem Thema dran und habe auch noch anderes Interessantes beim Demografiekonvent erfahren. Demnächst dazu mehr….
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